Maximum warp

 

Donald Trump fasziniert mich. Er spricht mit einem so restringierten Code, verwendet viele emotionsbesetzte Adjektive, konstruiert nur sehr einfache Sätze, benutzt Dopplungen wie „sehr, sehr“. Nichts gegen das Bemühen, komplizierte Sachverhalte so einfach zu erklären, dass es jeder versteht, aber ich habe bei Trump den Eindruck, er kann nicht anders. Er verfügt nur über diesen America-First-Wahlkampfsprech. In den vergangenen vier Wochen hat er nichts unternommen, um sich als Präsident der Vereinigten Staaten smart, intelligent, vermittelnd, staatsmännisch oder gar intellektuell zu präsentieren.

Nun mag das aber für Menschen wie mich von Bedeutung sein, aber für seine Wähler nicht. Wenn es stimmt, dass er vor allem in den Gegenden Amerikas gewählt worden ist, in denen die Menschen von der Regierung Barack Obamas enttäuscht sind, spricht er möglicherweise genau deren Sprache. Wird als „einer von uns“ empfunden. Und nicht zuletzt: Auch die Nationalisten in Europa bedienen sich einfacher Sprache und einfacher Aussagen, in der Hoffnung Wähler so besser erreichen zu können.

Sind wir heutzutage auf der Suche nach einfachen Wahrheiten? Sind sie mit der Komplexität der Welt in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Terror überfordert? Sind wir nicht alle auf der Suche nach Lalaland?

Trump ist einer, der wirkt – und auch hier operiere ich mit Vermutungen – als würde es ihm an Faktenwissen fehlen und dieses Defizit mit Blabla ausgleichen, mit großer Geste und nicht zuletzt mit der tiefen Überzeugung, das Richtige zu tun.

Da ist ein Mann, dem niemand zugetraut hat, dass er dieses Amt jemals erreichen würde. Wir haben ihn alle belächelt, uns lustig gemacht und verachtet. Wir tun das noch immer. Aber er hat es geschafft. Allen Widerständen und allen Prognosen zum Trotz. Wie wirkt sich das auf die Selbstwahrnehmung eines Menschen aus? Wie ist der noch zu stoppen – oder besser: in demokratische, ja, auch ritualisierte Abläufe einer Regierung einzubinden? Muss er nicht das Gefühl entwickeln, unstoppable und untouchable zu sein?

Ich frage mich, woher er seine Informationen bezieht. Als Präsident der Vereinigten Staaten steht ihm ja ein großer Apparat zur Verfügung, der ihn zu jedem beliebigen Thema briefen kann. Nutzt er den? Oder sieht er fern? Und falls ja, was? Lebt er in einer Fox News-Filterblase?

 

Basic bitches

Kassandra hat jetzt Dreads, einige mit bunten Wollfäden umwickelt , ein Septum, ein Piercing in der Lippe. Sie trägt nur noch schwarz und geht nachts lange in Clubs. Sie hat eine Satanistenbibel in einem Rutsch durchgelesen und ihr Zimmer mit indischen Tüchern dekoriert. Sie hört Deutsch-Rap. Da jammern deutsche Männer in poetischen Worten, aber in mit Obszönitäten durchsetzem Deutsch darüber, dass sie niemand liebt. Die Welt ist ein böser Ort. Wir werden alle sterben. Die Texte sind faszinierenderweise nicht schlecht. Der Jammerton der Möchtegern-Underdogs freilich nervt.
Heute feiern zwei Ex-Freundinnen Isei und Mimmi, die Kassandra nur noch „basic bitches“ nennt und zu denen ich wohl „Tussis“ sagen würde, gemeinsam eine  Geburtstagsparty, zu der mutmaßlich zweihundert Personen eingeladen sind. Es geht das Gerücht, Vodka sei kistenweise gekauft worden. Es ist mit starker Verunreinigung des Feiervorplatzes in den frühen Morgenstunden zu rechnen. Wer keinen hochprozentigen Alkohol verträgt, leert irgendwann seinen Magen aus und benetzt seine Schuhe mit Nahrungsbrocken durchwirktem Magensaft.

Als Kassandra heute von der Arbeit nachhause kam, erzählte sie mir, sie habe Neuigktein zu jenem geheimnisumwobenen Fest, das heute Nacht oben auf der Burg stattfinden wird. Sie wirkt aus Gründen, die da noch im Dunkeln liegen, amüsiert. „Ja“, sage ich also drängend: „Erzähl!“ Kassandra grinst breit. „Holofernes hat in Erfahrung gebracht, dass eine Blacklist existiert. Auf ihr stehen die Namen all derjenigen, die zu dem Fest keinen Zutritt haben und am großen Tor von den Wächtern abgewiesen werden.“ „Okay“, sage ich, den Grund für das offensichtliche Amüsement noch immer noch nicht verstehend: „Wer steht drauf?“ „Zum Beispiel die Russen. Wörtlich: ‚Die Russen‘. Die Begründung ist, dass die Russen Schlägereien anfangen könnten. Könnten! Roman und Laurin, Lisas Ex, sind nicht eingeladen.“ Sie macht ein Pause und schiebt dann hinterher: „Und ich stehe auch auf der Blacklist.“  Für einen Moment bin ich sprachlos. „Duuu?“, sage ich ungläubig. „Ja“, sagt Kassandra. „Weil ich angeblich so gemeine Sachen über Isei sage. Dass ich es auf die Liste der basic bitches geschafft habe, ist mir ganz besondere eine Ehre.“ Sie grinst noch ein bisschen breiter.

So geht Ritterschlag, Leute.

 

Im Bauch der Oper

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Kassandra verbringt einen Abend im Off. Während sie sich auf die Opernbühne konzentriert, schaue ich fasziniert zu, wie die Regisseurin zum Handy greift und mit dem Zeigefinger bunte geometrische Figuren auf dem Screen ihres Handys hin und her schiebt. Von Zeit zu Zeit steht die schmale Italienerin auf: Wenn einer der kostümierten Sänger, von der Inspizientin herangerufen, aus seiner Garderobe kommt und in ihrer Nähe auf seinen Auftritt wartet. Beim ersten Treffen des Abends werden Küsschen verteilt und gelacht und gelächelt, was das Zeug hält. Ob das nur auf Kassandra gekünstelt wirkt? Vielleicht ist das ja alles echt. Die Regisseurin geht mit den Sängern weiter hinein in die Tiefe des Bühnenraums. An die Stelle, von der aus der Bariton in seiner Rolle als fescher Graf gleich auf die Bühne treten wird, um zu singen. Die Regisseurin gibt ihm ein Zeichen. Er nimmt einen tiefen Atemzug, seine Körperspannung verändert sich, dann tritt er ins Licht. Als er zu singen beginnt, sehe ich, wie Kassandra die Augen schließt und verzückt lauscht. Neben ihr auf einem Stuhl eine Kostümassistentin, die vergnügt, aber leise mitsummt.

Hinter der Bühne geht es zu wie am Einflugloch  meines Bienenstocks. Manchmal wird der Raum um das Inspizientenpult eng, weil Chor, alle Sänger, die Bühnentechniker und andere Mitarbeiter gleichzeitig eintreffen. Ein anderes Mal ist keiner da, außer Kassandra und mir, der mit sich beschäftigten Regisseurin und den beiden Frauen am Inspizientenpult. Alles hier scheint einer geheimen Dramaturgie zu folgen, die sich Kasandra nicht erschließt, weil sie die Oper nicht kennt und außerdem nicht hört, welche Anweisungen die Inspizientin den Mitwirkenden erteilt. aber wir hören aber die Musik, sehen der Aufführung aus ganz ungewohnter Perspektive zu und erleben simultan, was im Off passiert. So viele Handlungsebenen gleichzeitig! Doch der Plan, der alles zusammenbringt und aus all den Einzelteilen ein Ganzes macht, der entzieht sich. Mitten in einer Opernaufführung und trotzdem ein Gefühl, als sähe man sich einen Stummfilm an. Krass!

Kassandra sieht glücklich aus. Sie liebt solche Einblicke in fremde Welten. Zufrieden ist sie, wenn sie hinter Fassaden blicken darf. So wie heute. Sie genießt den donnernden Applaus und die Bravo-Rufe, die die Sänger am Schluss der Aufführung empfangen, als gelte er ihr. Hinter der Bühne, in den Kulissen, in den dunklen Tiefen des Raums fühlt sie sich, als gehöre sie dazu. Jedenfalls für diesen einen Abend.

Zwei Wochen im Juni

2016-08-09 13.16.30Für ihre Verhältnisse ist Kassandra ganz schön nachdenklich: „Vielleicht sollte man einfach keinen Urlaub so weit im Vorhinein planen. Vielleicht war das der Fehler. Vor allem sollte man bedenken, dass sich die Mitfahrer, zwei Jahre nachdem die Ferienunterkunft gebucht ist, mitten in der Pubertät befinden.“ Sie seufzt und fährt fort: „Aber wer weiß das schon, wenn er das begehrte Ferienhaus im Winter 2014 für Juni 2016 anpeilt und im Januar 2015 fest bucht.“ In der beseelten Erinnerung an einen gemeinsamen Sommerurlaub am Meer, in dem mit bunten Schaufeln tiefe Löcher in den Sandstrand gegraben wurden. Magnum geschleckt, Beachball gespielt  wurde. An Abenden mit wilder, aufgewühlter See noch eben schnell zum Strand geradelt, kurz ein Bad genommen wurde, nachdem den ganzen Tag die „Baden verboten“-Flagge am DLRG-Häuschen im Wind tanzte. Danach Scharade und glückliche Gesichter beim Crèpes-Essen.

Nordseesommergloria. Alle sind glücklich. Es wird durchs Watt gewandert, in der Haifischbucht gepicknickt, Wein getrunken und viel Rad gefahren. Vor allem das. Mehr noch: Eine der damals noch „Die Kleinen“ genannten hat wieder ein paar Jahre früher um den weiß getünchten „Pole Poppenspäler“ Rad fahren gelernt, die andere ihre fahrerischen Fertigkeiten gefestigt.

Und nun: Smartphone, Smartphone, Tablet, Smartphone. Texten mit Freunden, die es weniger langweilig getroffen haben mit ihren Ferien. Die nicht auf einer Insel im Meer sitzen, auf der nichts passiert, die entschleunigt und zur Ruhe kommen lässt. Jedenfalls die Erwachsenen, die zuhause in der Alltagstretmühle stecken. Die anderen, die Lebenshungrigen, die eben erst entdeckt haben, dass es an lauen Augustabenden mehr zu tun gibt als Rad fahren und Baden im Meer, packt Unruhe. Der Wunsch fortzukommen wächst täglich. Die Sehnsucht nach angetrunkenen nächtlichen Festen mit angetrunkenen übernächtigten Freunden ist auf dem Eiland nicht zu stillen. Auch gibt es auf der ganzen Insel keinen H&M. Der nächste, spuckt den ehemals Kleinen der Herr Google aus, der nächste befindet sich in Cuxhaven. Ein Katzensprung Luftlinie übers Wasser. Unerreichbar, wenn man als Teenie kein Fisch ist. Das Bitterste: Zwei Wochen lang findet kein Open-Air-Festival statt, nicht einmal ein Konzert einer Punk-Dark-Core-Goth-Ska-Blablaband dröhnt über Dünen und Deich. What a waste of time für die Neu-Biertrinker, H&M-Addicts und Satanistinnen. What a loss of illusions für all jene, die gedanklich noch in der guten alten Zeit verhaftet sind, in der die Kleinen noch klein waren und dankbar für alles, was die Großen ihnen in weithin strahlender, überirdischer Herrlichkeit ermöglichten.

„Mach‘ dir nicht so viele Gedanken“, sage ich. „Das ist doch alles kein Drama. Das ist nur eine Geschichte.“

Honestly

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Würde ich dich auf der Straße erkennen, wenn wir uns sehen? Oder würden wir aneinander vorbeihasten wie Fremde. Schließlich ist viel Zeit vergangen und selbst meine ehemalige Putzfrau, die lieber in der Tür zu meinem Arbeitszimmer stand und von ihrem Mann erzählte und davon, dass sie zu dick sei und abnehmen müsse, sagt mir vorgestern bei einem unerwarteten Zusammentreffen vor der Post, sie habe mich nicht erkannt. Ich sei älter geworden. Und während ich hier sitze und aus dem großen Fenster blicke in die grüne Weite der Landschaft, frage ich mich, was daran so schlecht sein soll, wenn ich dich nicht wiedererkenne auf der Straße.  Wenn ich an dir vorbeilaufe und mein Blick nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde in deinem Gesicht verweilt. Ich vielleicht unbewusst deine Kleidung mustere und entscheide, in welche Schublade du gehörst in meiner Welt. Oder ich bleibe stehen und ich sage: Hallo Ronny. Und du erzählst mir, dass du schon seit 1990, nein 1991 in Frankfurt wohnst und nur an Samstagen hier bist, „damit die Mutter einkaufen kann“.  Und während du erzählst, hältst du die brennende Zigarette hinter dein Bein. Aus Höflichkeit, damit mir der Rauch nicht ins Gesicht zieht. Eine zuvorkommende Geste, die in eine verstörende Körperhaltung resultiert. Du sagst, dass du irgendwann irgendwo wohnen möchtest, wo es leise ist und du das Fenster öffnen kannst, morgens oder abends im Berufsverkehr. Ich schaue dich an und schweife ab, denke darüber nach, warum du mir das erzählst. Ich frage, wo du wohnst in Frankfurt und du sagst, in Enkheim, falls du weißt, wo das ist. Und ich denke, ist das tatsächlich schon Frankfurt und sehe die rostige Installation vor mir, an der die Hohe Straße beginnt. Und du sagst, wie zur Bestätigung, du arbeitetest aber schon in der Innenstadt, das sei mit der S-Bahn gut erreichbar. Kassandra steht neben uns und schaut ganz intensiv zu, wie wir miteinander sprechen, und legt den Kopf schief, weil sie nichts verpassen will. Als Ronnys Mutter dazukommt, verabschieden wir uns. Kassandra und ich steigen aufs Fahrrad und fahren nach Hause. „Am besten ist bei sowas immer der Subtext“, sagt sie und lehnt sich recht zufrieden zurück, während ich uns keuchend den Berg hinauf strample.