Kassandra träumt vielleicht von Sarah

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Kurz vor Mitternacht. Ich liege im Bett. Bin am Einschlafen. Süß legt sich die Müdigkeit um mich. Das Telefon klingelt. „Hallo, hier ist Sarah. Ich bin eine Freundin von Lilian. Ich hatte einen Unfall mit dem Auto. Am Parkplatz an der Eisbahn. Könnten Sie mich kurz zu meinem Auto fahren. Ich muss die Polizei rufen.“ Ich bin benommen. „Ja klar, kann ich machen. Wo bist du?“ und denke: „Habe ich die nicht gesiezt?“ „Ich bin in der Altstadt. Vor dem Juwelier.“ „Okay. Ich bin gleich da.“ Ich ziehe mir eine Jacke an und meine Hausschuhe, greife den Autoschlüssel und eile nach draußen. Es ist still. Kalt. In wenigen Fenstern brennt noch Licht. Niemand mehr unterwegs draußen. Nur auf dem Weg nach unten in die Stadt kommt mir Hansens roter Bus entgegen. „Wo die wohl waren?“ denke ich und: „Ob die sich wohl fragen, wohin ich jetzt noch fahre? Die denken bestimmt, ich hole Lilian von einer Party ab.“ Sarah steht schon an der holprigen Altstadtstraße. Steigt ein. Stellt die Füße auf das Vogelfutter, das schon seit zwei Wochen jede Autofahrt mitmacht. „Hallo Sarah. An welchem Parkplatz nochmal?“ „An der Eisbahn.“ Ich fahre los, frage nichts, aber Sarah fängt gleich an zu erzählen. „Ich bin auf dem Parkplatz langsam gefahren. Vielleicht 20 oder 30. Aber dort liegt so viel Laub. Da bin ich mit dem Auto den Hang runtergerutscht. Das war wie Schmierseife.“ „Ich hab alle meine Freunde durchtelefoniert. Niemand hatte Zeit, mich zu fahren. Dann habe ich Lilian angerufen. Die war nicht zuhause. Da war Musik im Hintergrund. Hab sie gefragt, ob einer bei ihr zuhause ist. Da hat sie mir Ihre Handynummer geschickt. Ist das okay, dass ich Sie angerufen habe?“ „Ja klar“, sage ich. Als sie am Parkplatz ankommen, sagt Sarah: „Man muss sehen, wo das passiert ist.“ Ich halte auf kleinen Hang zu, an dessen Gefälle sich Tennisplätze anschließen und sage: „Da“, als ich Reifenspuren im weichen Gras sehe. „Hmm“, denke ich, „hoher Bordstein. Wie kann man da mit 20 oder 30 runterrutschen.“ Aber ich will Sarahs Geschichte nicht anzweifeln. „Und wieso war sie überhaupt in der Altstadt und nicht hier?

Sarah nimmt ihr Handy, will die Polizei anrufen. „Mein Handy ist leer“, sagt sie. „Kann ich Ihres haben. Oh jetzt sage ich schon wieder Sie. Kann ich deins haben?“ „Klar“, sage ich und reiche es ihr. Sarah wählt 110 und erklärt dem Polizisten am anderen Ende der Leitung, was passiert ist. Sie legt auf. „Ich soll den ADAC anrufen. Ach Gott, was werden meine Eltern sagen. Mein Vater hat mir letzte Woche noch eine 600-Euro-Anlage in das Auto eingebaut. Ich versuch‘ schon den ganzen Tag meine Mutter zu erreichen. Sie geht nicht ans Telefon.“

Ein zweiter Wagen biegt auf den Parkplatz ein und hält an der Unfallstelle. „Taxi-Schmidt. Wir haben einen Anruf von einem Steven bekommen. Hier soll ein Unfall passiert sein. Wir suchen schon seit einer halben Stunde, wo das sein soll.“ „Das ist mein Auto“, sagt Sarah und: „Steven? Ich kenne keinen Steven. Wer soll das sein?“ „Der hat uns angerufen.“ Mir wird kalt. Dünner Mantel. Hausschuhe. Söckchen. Und ich erkenne, dass das hier mehr wird, als mal kurz jemanden mitten in der Nacht zu einem Parkplatz zu fahren. Ich ziehe den Mantelkragen fest um meine Schultern.  „Ob die sich fragen, wer ich bin?“ Die Männer, die im Nachtlicht grau, unwirklich und bleich aussehen, blicken den Hang hinunter. „Ui. Wie ist das denn passiert? Haben Sie schon die Polizei angerufen?“ „Ja, gerade eben“, sagt Sarah, „ich soll den ADAC anrufen. Gott sei Dank bin ich Mitglied.“ „Das können wir auch raufholen“, sagt der jüngere der beiden Männer. „Wir haben Traktoren und einen LKW mit einem Kran.“ Der ältere sagt: „Ruf mal den Rene an. Der soll kommen und sich das hier ansehen.“ Der jüngere telefoniert. Sarah bittet mich um mein Handy. „Ich will meine Freundin anrufen. Die soll herkommen. Dann kannst du fahren.“ Sie hat deren Nummer nicht. „Hast du schnelles Internet? Sie heißt Schätzl. Gehört zu dem Lebensmittelmarkt in der Altstadt. Ich weiß ihre Nummer nicht auswendig und mein Handy ist leer. Ich rufe sie auf dem Festnetz an. Vielleicht geht sie dran.“ Ich suche den Namen, finde eine Telefonnummer und reiche Sarah das Handy. „Oh, was es alles gibt. Da kann man Blumengrüße schicken.“ Sie wählt. Ihre Freundin geht ran. Sarah entfernt sich ein paar Schritte von der kleinen Gruppe, spricht, legt auf, kommt zurück und sagt: „Können wir meine Freundinnen noch holen, bevor du heimfährst?“ „Klar“, sage ich. Die Männer beratschlagen wieder. Ein drittes Auto kommt an. Ein dicker Mann steigt aus. Das muss Rene sein. Er geht zum Hang, begutachtet die Lage und sagt: „Das kann ich machen.“ Dann wird besprochen, wie man das technisch bewerkstelligen könnte, mitten in der Nacht, ohne Licht. „Wenn Sie wollen, dass ich das mache, brauchen Sie den ADAC nicht anzurufen.“ „Wer zahlt das, wenn Sie das übernehmen?“, will ich wissen. Die Antwort ist nicht eindeutig. Von Haftpflicht, Vereinbarungen und ADAC-Mitgliedschaft ist die Rede. Sarah sagt: „Das können Sie machen.“ „Ist aber klar, dass das Auto weitere Schäden davontragen kann, wenn ich das da raushebe.“ Die beiden anderen Männer nicken. „Nicht dass es dann Ärger gibt.“ „Nein, nein“, sagt Sarah, „Das ist schon klar. Was werden meine Eltern sagen…“ „Wenn es da nix schriftlich gibt…“ wendet der kleine breite Tax-Schmidt ein. Die beiden anderen nicken. „Der ADAC macht sowas auch nicht umsonst. Umsonst machen die nur Pannenhilfe für Mitglieder. Das hier müssen Sie beim ADAC bestimmt auch bezahlen.“ Sie treten näher an die Stelle, an der das Auto den Hang hinuntergerutscht ist. „Vielleicht kann man das morgen Früh machen, wenn es hell ist.“ „Ist vielleicht besser“, nickt der jüngere Taxi-SChmidt. „Wo ist der Tank?“, fragt der dicke Rene „Wir schauen uns das mal an“, beschließen alle drei. Gemeinsam gehen sie im Licht der Taschenlampen zum Ende des Parkplatzes und dann zum Auto, das eingekeilt zwischen Tennisplatzzaun und Hang auf der Seite liegt. Die Räder von sich gestreckt, wie ein totes aufgedunsenes Tier. „Müssen wir hierbleiben, oder können wir mal kurz weg, meine Freundin holen“, ruft Sarah den Männern  hinterher. Sie antworten nicht. „Wir könnten doch mal kurz weg“, sagt Sarah zu mir. „Mein Fuß tut weh. Der ist dick und grün und blau.“ „Vom Unfall“, denke ich, frage sie aber nicht. „Mein Handy, meine Wertsachen, mein Geld ist alles da drin. Das würde ich gern rausholen, kriege aber die Tür nicht mehr auf.“ Die Männer kommen zurück. „Das Auto liegt auf der Tankseite. Da kann Sprit auslaufen. Kontaminiert den Boden. Müsste eigentlich sofort hochgezogen werden. Oder hat das Zeit bis morgen Früh? Wer entscheidet das?“ „Wer entscheidet das?“, fragt Sarah und ich sage: „Wer entscheidet das? Die Polizei, die Feuerwehr?“ Die Männer schlagen vor, die Polizei anzurufen.  „Das ist die 110. Wählen Sie 110.“ Rene sagt: „Wir machen das so: Sie klären, ob das heute Nacht gemacht werden muss oder Zeit hat bis morgen Früh. Sie können uns dann anrufen und wir kommen wieder her.“ Sarah nickt. Ich frage: „Hast du eine Telefonnummer?“ Der ältere Taxi-Schmidt sagt: „Ganz einfach 6699“ „6699“, echot der jüngere und „6699“ sagt auch Sarah. Die Männer steigen in die Autos, stoßen zurück und fahren davon. Wir sind allein. Gruselige Stimmung. Aber drüben vom Tennisclubhaus dringen deutsche Schlager herüber. Vielleicht machen die samstags Party.

„Können wir meine Freundin holen, bevor du fährst?“, fragt Sarah. „Klar“, sage ich. Wir steigen ins Auto. Das Thermometer zeigt 5 Grad. Mir ist kalt. „Aber erst zeige ich dir meinen Fuß.“ Sarah zieht ihren Turnschuh aus und legt den Fuß aufs Armaturenbrett. Blau und grün und geschwollen liegt er da. „Wow“, sage ich, „ist das beim Unfall passiert?“ „Nein, da ist Gott sei Dank nichts passiert. Das war letzte Woche. Ich war auch im Krankenhaus.“ Sie packt den Fuß wieder in den Schuh und wir fahren los. „Wahrscheinlich wundert sie sich, warum ich so langsam fahre. Aber ich bin ja nicht mehr 12“, denke ich. Wir fahren in die Altstadt. „Mit ist wahnsinnig schlecht“, sagt Sarah, „das ist wahrscheinlich vom Unfall.“ Am Juweliergeschäft stehen zwei junge Frauen. „Das sind Freundinnen. Auf die beiden kann man sich verlassen“, sagt Sarah. Wir halten an, die beiden steigen ein. „Oh ich muss so pinkeln“, sagt die mit der Puschelmütze, „aber ich halte das ein.“ „Tolles Auto“, sagt die andere. „Das beste, das ich je hatte“, sage ich. „Automatik“, sagt Sarah, „würde ich nie fahren.“ „Und ich nie wieder Schaltgetriebe“, sage ich, „Damit fahre ich mit 10 den Berg im Wohngebiet hoch und bremse alle Raser hinter mir aus.“

Wir fahren zurück zum Parkplatz. Ich höre den dreien zu. Sie waren alle drei im Auto, als der Unfall passierte. Das Ganze wird immer undurchsichtiger. Sarah zählt auf, was sie aus dem Auto holen möchte. „Da sind mein Handy, mein Geld, meine Wertsachen drin.“ Die zwei auf der Rückbank kichern. „Und dein Messer.“ „Mein Messer!“, ruft Sarah. „Genau! Das brauche ich! Wenn die das Auto erst morgen Früh da rausholen, muss ich vorher meine Sachen holen.“ „Wer sollte das klauen?“, frage ich. „Sieht keiner und weiß keiner, dass dort ein Auto am Hang liegt. Darüber würde ich mir keine Gedanken machen.“ „Wenn Sarah mit mir spricht, drückt sie sich ganz anders aus, als bei ihren Freundinnen“, denke ich. Sie fragt nach meinem Handy. Sie ruft den ADAC an. Der Unfall wird aufgenommen. Ihr Gegenüber stellt einige Fragen. Sie legt auf. „Sind in etwa einer Stunde da. Der Typ gibt jetzt den Auftrag raus.“ Dann telefoniert sie noch einmal mit der Polizeistation. „Die sind 15 Minuten hier“, sagt sie. „Mannomannomann, die Männer vorhin haben mir gesagt, wie die Nummer der Polizei ist. Ich bin doch nicht blöd. Ich bin doch nicht blöd.“ „Die Polizeistation hier hat eine eigene Nummer“, sagt die, die pinkeln muss. „Echt“, sagt Sarah. „Ja, die haben eine eigene Telefonnummer.“ „Kannst du solange noch bleiben? Es ist so kalt draußen. Hier im Auto ist es wärmer.“ „Klar“, sage ich. Begeistert bin ich nicht. Saumüde. Alles unwirklich. Die Mädels auf dem Rücksitz sind ausgestiegen. „Steigt wieder ein“, sagt Sarah, „hier ist es wärmer.“ Wir warten im Auto auf die Polizei.“ Dann erzählt Sarah von ihrem Fuß und davon, wie sie mit der Verletzung im Krankenhaus war. Wie lange sie warten musste. Wie sich niemand richtig um sie gekümmert hat, dass sie nicht wusste, wo sie war, weil sie den Eingang nicht kannte. „Ich schau‘ jetzt mal, ob die bei Facebook sind“, sagt die Freundin, die immer noch pinkeln müsste, es aber hier auf dem Parkplatz nicht will. „Wer sollte dich sehen?“, frage ich.  „Mach das lieber, bevor die Polizisten kommen oder der ADAC.“ Sie sucht lieber nach Krankenhaus-Bewertungen. Sie liest sie vor. Nichts Gutes dabei. „Schreib auch was“, sagt die mit der Puschelmütze. Sarah fragt: „Ist euer Haus jetzt renoviert?“ „Ja“, sage ich, hat auch lange genug gedauert.“ Pause. „Dein Mann ist doch Pilot?“ „Ja“, sage ich. Pause. „Bei der Lufthansa?“ „Ja“, sage ich, „ist gerade in China.“ „Und du, was machst du?“ „Ich bin Journalistin.“ „Was heißt das?“ Ich erkläre es ihr. Pause. Wir starren aus dem Fenster und auf die Bundesstraße. „Ich kann gut belangloses Zeug reden, gell“, sagt Sarah. Ich lache: „Ja, das kannst du.“ Manchmal fährt ein Auto aus der Stadt hinaus. Oder hinein. Sarah kommentiert die Größe der Fahrzeuge und deren Farbe. „Wie kannst du das sehen?“, frage ich. „Gar nicht“, kommentiert Puschelmütze. Wir fangen alle an, die Autos zu kommentieren. „Ihr wollt mich wohl verarschen!“ ruft Sarah. „Da sind sie… nein, das Auto ist zu klein. Ist ein roter Corsa.“ Dann und wann stelle ich die Lüftung an, weil die Scheiben anlaufen. Die Heizung schalte ich nicht an. Als mit einem Mal Musik losdröhnt, weil sich mein Handy mit dem Auto verbindet. machen ich sie sofort aus. Mir ist nicht nach Musik. „Green Day“, kommentiert Puschelkopf. „Green Day“, sagt Sarah. Das Mädchen mit der vollen Blase sagt nichts. „Musst du noch Pipi?“ frage ich und denke: „Pipi machen… Das sagen die so nie. Das macht dich alt.“ „Du solltest hier pinkeln gehen“, schiebe ich hinterher. „Oh Nein! Ich hatte es gerade vergessen und nicht dran gedacht!“ ruft sie. Wir lachen und starren wieder auf die Straße. Die 15 Minuten sind um. Kein Polizeiauto in Sicht. Ich stelle mir vor, wie die Polizisten in der warmen Wachstube sitzen und einen Kaffee aus hohen Kaffeebechern trinken und nicht recht hinauswollen in die dunkle, kalte Novembernacht. „Die lassen sich ganz schön Zeit“, denke ich. „Die wissen, dass es nicht eilt“, sage ich laut, das hier ein Auto im Graben liegt und es keine Verletzten gibt. Inzwischen ist es fast halb zwei und ich will nach Hause. Ich mache die Lüftung wieder an.

„Ich muss  jetzt wirklich pinkeln.“ „Ich komme mit“, sagt Sarah. „Dass Frauen nicht mal allein Pipi machen können, sondern immer in der Gruppe gehen müssen“, sage ich. „Nein, du bleibst hier.“ „Das ist doch ein Ding, dass man nicht mal mit seiner Freundin mitgehen kann, oder“, sagt Sarah zu mir, während die beiden aussteigen. Nach einer Weile sind sie wieder da. Kichern. „So jetzt gehe ich“, sagt Sarah und steigt aus. „Ich komme mit“, sagt ihre Freundin.

„Wenn ich dann nach Hause fahre, wie kommt ihr zurück in die Stadt? Denkt ihr, die Polizei nimmt euch mit?“ „Ich denke schon“, sagt Sarah. „Nicht, dass die nur Platz für zwei im Auto haben…“, sage ich. „Ja, dann müssen die eine zweite Streife rufen“, kichert eines der Mädchen auf dem Rücksitz. Zwei vermummte Gestalten gehen über den Parkplatz. Sie halten sich an der Hand. „Ob die wohl von der Tennisclubsamstagsfete kommen?“ frage ich mich.

Dann starren wir wieder auf die Straße. Manchmal fahren Autos vorbei. „Ich bin so fertig.“ „Ist dir noch übel?“ frage ich. „Nein, geht“, sagt Sarah. Ein Auto kommt aus Richtung Stadt. Es sieht größer aus als die anderen bisher. Es fährt langsam an die Einfahrt zum Parkplatz heran, setzt den Blinker, biegt ab, hält neben uns. Die Mädchen auf dem Rücksitz steigen aus. „Danke“, sagt Sarah zu mir gewandt, während sie mit der rechten Hand den Türgriff sucht. „Danke, dass du geblieben bist. Du kannst jetzt fahren.“ Sie steigt aus. Ich sehe durch die angelaufenen Scheiben, wie sie zu den beiden Polizisten geht, die inzwischen den Hang hinunter blicken.

Ich lasse den Motor an und fahre ein Stück. Ich weiß nicht, ob ich die Mädchen alleine lassen soll. Ob ich nicht jetzt die Verantwortung für sie trage. Aber sie sind ja groß, die Polizei ist da, jemand nimmt es in die Hand. Ich fahre ein Stück, trete wieder auf die Bremse. Blicke in den Rückspiegel. Die Polizisten können die Mädchen mit in die Stadt nehmen. Aber wenn die sich nicht verantwortlich fühlen? Wenn sie die drei einfach hier stehen lassen, mitten in der Nacht. Aber ich bin müde und mir ist kalt. Sie können sich ja auch ein Taxi rufen. Taxi-Schmidt. 6699. Ich fahre nach Hause. Überlege an jeder Kreuzung, ob ich umkehre. Sarah hat einen verletzten Fuß. Den Mädchen ist kalt. Es hat fünf Grad. Ich fühle mich schlecht. Aber ich sollte sie doch nur zu ihrem Auto fahren. Das ist fast zwei Stunden her. Ich fahre nach Hause, gehe ins Bett, schlafe unruhig. Mir wird die ganze Nacht nicht mehr warm. Immer wenn ich aufwache, denke ich an die Mädchen.

Am nächsten Morgen schreibe ich Sarah Textnachrichten. Wann war der ADAC da? Habt ihr noch lange in der Kälte gestanden? Seid ihr zu Fuß zurückgegangen? Sie bedankt sich noch einmal bei mir. Das Auto sei noch in der Nacht herausgehoben worden. Bis zwei, halb drei hätten sie gewartet und seien dann zu Fuß in die Stadt zurückgelaufen. „Sorry, dass ich so viel Belangloses erzählt habe“, schreibt sie noch. „Du wolltest mich unterhalten“, schreibe ich zurück. „Das war doch prima.“

Ich hätte bleiben sollen.

Im Bauch der Oper

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Kassandra verbringt einen Abend im Off. Während sie sich auf die Opernbühne konzentriert, schaue ich fasziniert zu, wie die Regisseurin zum Handy greift und mit dem Zeigefinger bunte geometrische Figuren auf dem Screen ihres Handys hin und her schiebt. Von Zeit zu Zeit steht die schmale Italienerin auf: Wenn einer der kostümierten Sänger, von der Inspizientin herangerufen, aus seiner Garderobe kommt und in ihrer Nähe auf seinen Auftritt wartet. Beim ersten Treffen des Abends werden Küsschen verteilt und gelacht und gelächelt, was das Zeug hält. Ob das nur auf Kassandra gekünstelt wirkt? Vielleicht ist das ja alles echt. Die Regisseurin geht mit den Sängern weiter hinein in die Tiefe des Bühnenraums. An die Stelle, von der aus der Bariton in seiner Rolle als fescher Graf gleich auf die Bühne treten wird, um zu singen. Die Regisseurin gibt ihm ein Zeichen. Er nimmt einen tiefen Atemzug, seine Körperspannung verändert sich, dann tritt er ins Licht. Als er zu singen beginnt, sehe ich, wie Kassandra die Augen schließt und verzückt lauscht. Neben ihr auf einem Stuhl eine Kostümassistentin, die vergnügt, aber leise mitsummt.

Hinter der Bühne geht es zu wie am Einflugloch  meines Bienenstocks. Manchmal wird der Raum um das Inspizientenpult eng, weil Chor, alle Sänger, die Bühnentechniker und andere Mitarbeiter gleichzeitig eintreffen. Ein anderes Mal ist keiner da, außer Kassandra und mir, der mit sich beschäftigten Regisseurin und den beiden Frauen am Inspizientenpult. Alles hier scheint einer geheimen Dramaturgie zu folgen, die sich Kasandra nicht erschließt, weil sie die Oper nicht kennt und außerdem nicht hört, welche Anweisungen die Inspizientin den Mitwirkenden erteilt. aber wir hören aber die Musik, sehen der Aufführung aus ganz ungewohnter Perspektive zu und erleben simultan, was im Off passiert. So viele Handlungsebenen gleichzeitig! Doch der Plan, der alles zusammenbringt und aus all den Einzelteilen ein Ganzes macht, der entzieht sich. Mitten in einer Opernaufführung und trotzdem ein Gefühl, als sähe man sich einen Stummfilm an. Krass!

Kassandra sieht glücklich aus. Sie liebt solche Einblicke in fremde Welten. Zufrieden ist sie, wenn sie hinter Fassaden blicken darf. So wie heute. Sie genießt den donnernden Applaus und die Bravo-Rufe, die die Sänger am Schluss der Aufführung empfangen, als gelte er ihr. Hinter der Bühne, in den Kulissen, in den dunklen Tiefen des Raums fühlt sie sich, als gehöre sie dazu. Jedenfalls für diesen einen Abend.

Zwei Wochen im Juni

2016-08-09 13.16.30Für ihre Verhältnisse ist Kassandra ganz schön nachdenklich: „Vielleicht sollte man einfach keinen Urlaub so weit im Vorhinein planen. Vielleicht war das der Fehler. Vor allem sollte man bedenken, dass sich die Mitfahrer, zwei Jahre nachdem die Ferienunterkunft gebucht ist, mitten in der Pubertät befinden.“ Sie seufzt und fährt fort: „Aber wer weiß das schon, wenn er das begehrte Ferienhaus im Winter 2014 für Juni 2016 anpeilt und im Januar 2015 fest bucht.“ In der beseelten Erinnerung an einen gemeinsamen Sommerurlaub am Meer, in dem mit bunten Schaufeln tiefe Löcher in den Sandstrand gegraben wurden. Magnum geschleckt, Beachball gespielt  wurde. An Abenden mit wilder, aufgewühlter See noch eben schnell zum Strand geradelt, kurz ein Bad genommen wurde, nachdem den ganzen Tag die „Baden verboten“-Flagge am DLRG-Häuschen im Wind tanzte. Danach Scharade und glückliche Gesichter beim Crèpes-Essen.

Nordseesommergloria. Alle sind glücklich. Es wird durchs Watt gewandert, in der Haifischbucht gepicknickt, Wein getrunken und viel Rad gefahren. Vor allem das. Mehr noch: Eine der damals noch „Die Kleinen“ genannten hat wieder ein paar Jahre früher um den weiß getünchten „Pole Poppenspäler“ Rad fahren gelernt, die andere ihre fahrerischen Fertigkeiten gefestigt.

Und nun: Smartphone, Smartphone, Tablet, Smartphone. Texten mit Freunden, die es weniger langweilig getroffen haben mit ihren Ferien. Die nicht auf einer Insel im Meer sitzen, auf der nichts passiert, die entschleunigt und zur Ruhe kommen lässt. Jedenfalls die Erwachsenen, die zuhause in der Alltagstretmühle stecken. Die anderen, die Lebenshungrigen, die eben erst entdeckt haben, dass es an lauen Augustabenden mehr zu tun gibt als Rad fahren und Baden im Meer, packt Unruhe. Der Wunsch fortzukommen wächst täglich. Die Sehnsucht nach angetrunkenen nächtlichen Festen mit angetrunkenen übernächtigten Freunden ist auf dem Eiland nicht zu stillen. Auch gibt es auf der ganzen Insel keinen H&M. Der nächste, spuckt den ehemals Kleinen der Herr Google aus, der nächste befindet sich in Cuxhaven. Ein Katzensprung Luftlinie übers Wasser. Unerreichbar, wenn man als Teenie kein Fisch ist. Das Bitterste: Zwei Wochen lang findet kein Open-Air-Festival statt, nicht einmal ein Konzert einer Punk-Dark-Core-Goth-Ska-Blablaband dröhnt über Dünen und Deich. What a waste of time für die Neu-Biertrinker, H&M-Addicts und Satanistinnen. What a loss of illusions für all jene, die gedanklich noch in der guten alten Zeit verhaftet sind, in der die Kleinen noch klein waren und dankbar für alles, was die Großen ihnen in weithin strahlender, überirdischer Herrlichkeit ermöglichten.

„Mach‘ dir nicht so viele Gedanken“, sage ich. „Das ist doch alles kein Drama. Das ist nur eine Geschichte.“

Honestly

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Würde ich dich auf der Straße erkennen, wenn wir uns sehen? Oder würden wir aneinander vorbeihasten wie Fremde. Schließlich ist viel Zeit vergangen und selbst meine ehemalige Putzfrau, die lieber in der Tür zu meinem Arbeitszimmer stand und von ihrem Mann erzählte und davon, dass sie zu dick sei und abnehmen müsse, sagt mir vorgestern bei einem unerwarteten Zusammentreffen vor der Post, sie habe mich nicht erkannt. Ich sei älter geworden. Und während ich hier sitze und aus dem großen Fenster blicke in die grüne Weite der Landschaft, frage ich mich, was daran so schlecht sein soll, wenn ich dich nicht wiedererkenne auf der Straße.  Wenn ich an dir vorbeilaufe und mein Blick nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde in deinem Gesicht verweilt. Ich vielleicht unbewusst deine Kleidung mustere und entscheide, in welche Schublade du gehörst in meiner Welt. Oder ich bleibe stehen und ich sage: Hallo Ronny. Und du erzählst mir, dass du schon seit 1990, nein 1991 in Frankfurt wohnst und nur an Samstagen hier bist, „damit die Mutter einkaufen kann“.  Und während du erzählst, hältst du die brennende Zigarette hinter dein Bein. Aus Höflichkeit, damit mir der Rauch nicht ins Gesicht zieht. Eine zuvorkommende Geste, die in eine verstörende Körperhaltung resultiert. Du sagst, dass du irgendwann irgendwo wohnen möchtest, wo es leise ist und du das Fenster öffnen kannst, morgens oder abends im Berufsverkehr. Ich schaue dich an und schweife ab, denke darüber nach, warum du mir das erzählst. Ich frage, wo du wohnst in Frankfurt und du sagst, in Enkheim, falls du weißt, wo das ist. Und ich denke, ist das tatsächlich schon Frankfurt und sehe die rostige Installation vor mir, an der die Hohe Straße beginnt. Und du sagst, wie zur Bestätigung, du arbeitetest aber schon in der Innenstadt, das sei mit der S-Bahn gut erreichbar. Kassandra steht neben uns und schaut ganz intensiv zu, wie wir miteinander sprechen, und legt den Kopf schief, weil sie nichts verpassen will. Als Ronnys Mutter dazukommt, verabschieden wir uns. Kassandra und ich steigen aufs Fahrrad und fahren nach Hause. „Am besten ist bei sowas immer der Subtext“, sagt sie und lehnt sich recht zufrieden zurück, während ich uns keuchend den Berg hinauf strample.

Die weiteren Aussichten

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Kassandra steht am Panoramafenster und starrt mit irrem Blick hinaus in den Regen. „Das ist die Rache der Götter. Wir sind verdammt. Das wird eine Sintflut. Wir werden für unsere Missetaten bezahlen.“ Sie zieht das Bärenfell enger um den schmalen Körper.

So geht das schon seit Tagen. Kaum ziehen dunkle Wolken über das Tal und Gewitter grollt, steigt das Pathos im Haus auf einer Skala von eins bis fünf um zehn bis dreißig Einheiten. Und wer nicht alles schuld ist am nassen Niedergang: Abwechselnd die Mafia, die korrupte Industrie, die maroden Banken, gierige Investmentheuschrecken, die Veganer, Chemtrails oder unser Nachbar, das schneidige Dachdeckerlein.

Ruckartig dreht sie sich um. „Kannst du mir Kaugummi mitbringen, wenn du einkaufen gehst“, krächzt sie theatralisch, fasst sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an ihren Adamsapfel und schiebt hinterher: „Ich würde ja selbst, aber fühl mich echt nicht so gut.“

Tipp des Tages

2-P1000335„Schreib doch mal was Lustiges“, sagt die Freundin. „Die Leute wollen deinen Depri-Kram nicht lesen. Und beim Zika-Virus hast du echt Scheiße gebaut.“
„Gut“, sage ich: „Was Lustiges also. Aber nur, wenn Kassandra mitmacht.“

Kassandra will nicht.

Gewitter und nachfolgend ergiebiger Regen

2013-07-20 13.32.29Manchmal sind es die kleinen Momente, die einen nicht loslassen. So, wie heute auf der Autobahn. Aquaplaning. Strömender Regen. Gewitter grollt. Da kommt neben Kassandra und mir ein blauer Transporter auf einer Auffahrt kurz hinter Heilbronn angefahren. Drei Stockwerke hat der. Alle vergittert. Kassandra auf dem Beifahrersitz schaut im Vorbeifahren genauer hin. Der Laster legt sich in die Kurve. Zartrosa Schweinehintern werden auf drei Stockwerken gegen Gitter gedrückt. Dann sind wir auch schon vorbei. Hinter uns blinkt der Schweinelaster und fährt auf die Autobahn auf. Über unsere Windschutzscheibe fegt nervös auf höchster Stufe der Scheibenwischer. Kassandra schaltet ihre Sitzheizung an.

Mir gehen die rosa Schweinehintern nicht aus dem Sinn. Ich muss an Sklavenschiffe denken. Und daran, dass die Tiere da auf dem Laster frieren, vom Regen nass werden, sich ängstigen, weil sie nicht wissen, was mit ihnen passieren wird. Ich schäme mich dafür, dass wir sie behandeln wie Mettbrötchenschinkenwurstschnitzelkotelettbratenfrikadellen. Rechtlos von der Zeugung bis zum Verzehr. Immer nur betrachtet unter dem Mettbrötchenschinkenwurstschnitzelkotelettbratenfrikadellen-Optimierungs- und Gewinnmaximierungsaspekt. Ich denke an riesige Jauchegruben voll Angstpisse und Kot.

Auch Kassandra ist still. Wortlos fahren wir kilometerweit. Jede von uns hängt ihren Gedanken nach. Dann sagt Kassandra auf einmal: „Die armen Schweine in dem Laster…“

U-Bahn-Opfer

2013-10-25 10.43.36Warum werden Menschen von U-Bahnen, Straßenbahnen oder Zügen überrollt? Nicht die Selbstmörder. Von denen spreche ich nicht. Gemeint sind die Abkürzer, die „Nur-mal-eben-schnell-über-die-Schienen“-Kletterer, die ihr Ziel vor Augen haben und mit dem Ziel vor Augen ihr Leben lassen.

Kassandra hat darauf keine Antwort.

Treue

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„Ich glaub net, dass mir Tiere vermenschliche“, sagte sie überzeugt. „Meiner Meinung nach isses nämlich so: Mir ham Haus- und Nutztiere jahrhunnerdelang benutzt. Oder mit dene gehaust. Aber so richtig kapiert, dass da eine Seele drinsteckt, in dem Tier, das ham wir nischt.“

Der Mann mit dem Mikrofon in der Hand schaute sich um. „Gott, gibt es in diesem Provinzkaff keinen anderen Platz, an dem wir Passanten interviewen können? Keinen Wochenmarkt? Wo die mit Geld und Gewissen einkaufen? Nicht mal einen schicken Biosupermarkt? Nur diese miese Einkaufshalle, vor der der Unrat aus den Müllbehältern quillt?“ Er hasste es, wenn man ihn zwang, Filmbeiträge in kleinen Orten zu drehen. Die Leute waren so… so… so provinziell, so deutsch, so langweilig, so schlecht angezogen und frisiert. Er sehnte sich zurück nach London. Hätte er bloß nie dem Heimweh seiner Frau nachgegeben. Aber jetzt war es zu spät.

„Tiere sin auch Mensche“, sagte die Frau jetzt. „Die habe Gefühle, die kenne ihrn Name und fühle Schmerze. Nehme Se mein Hühner. Die sin treu. Die denge, isch bin de Hahn. Die laufe mir nach. Überall hin.“

Der Mann mit dem Mikrofon lächelte gequält. „Hühner, Hähne, Tiergefühle.“ Nichts interessierte ihn weniger. Hauptsache, er bekam genug Material für einen Anderthalbminutenbeitrag zusammen. Alles andere war ihm wumpe. Okay, ein Frühstücksei, möglichst bio mit brauner Schale. Das wollte er. Gerne auch teuer. Und vor allem zurück nach London. So bald wie möglich. Seine Frau konnte ja hierbleiben. Eine Wochenendbeziehung war eigentlich auch nicht das Unangenehmste…