Irrtümer haben ihren Preis

Der Interviewpartner war ein netter, eher alter als älterer Herr. Kein Fax, kein Internet, kein PC. Also auch kein E-Mail-Empfang möglich. Zum Abstimmen des Interviews fuhr Kassandra noch einmal persönlich zu ihm. Etwas verwundert war sie durchaus, als der 79-Jährige sie zum Abendessen einlud, mit den Worten „Falls Ihr familiärer Hintergrund das zulässt.“ Ihr familiärer Hintergrund lässt es zu. Ich habe nichts dagegen, wenn sie die Einladung dieses eher alten als älteren Herren annimmt. Kassandra sagte zu, zum einen aus Neugier, aber vor allem aus Mitleid. Seit einer Operation war der bis dahin noch sehr bewegliche, naturverbundene Herr ans Haus gefesselt und ging – wörtlich! – am Stock.

Man trifft sich beim Italiener, bestellt Nudeln mit Zucchini und Lachs, ein Glas Pinot Grigio und beginnt sich über das Reisen, das Leben und die Pflege von Wanderwegen zu unterhalten. Als Kassandra sagt: „Mein Mann und ich waren erst kürzlich in Kapstadt“, nimmt der alte Herr kurz ihre rechte Hand. Kassandra ist nicht nur verwundert, sondern – wie sie mir später erzählte – auch sehr irritiert. Sie liebt es nicht, von Fremden angefasst zu werden, auch wenn die ihr eine halbe Stunde zuvor das Du angeboten haben. „No“, sagt der alte Herr, „da ist ja gar kein Ring.“ „Braucht man den?“ fragt Kassandra und fährt fort: „Ich habe nie verstanden, warum man sowas haben muss. Ich habe auch meinen Nachnamen behalten. Wer will schon so heißen wie mein Mann.“ Nun ist es an dem alten Herrn, verwundert zu sein. Man unterhält sich weiter über diesen und jenen in der Stadt, über die Vereinsarbeit und die Pflege von Kulturstätten. Manchmal entsteht eine etwas peinliche Gesprächspause, die Kassandra mit einem Schluck aus ihrem Weinglas und einer Frage an den alten Herrn überbrückt. Hin und wieder blickt sie heimlich auf die Uhr an seinem Handgelenk.

Das Lokal, eben noch bis zum letzten Platz gefüllt, leert sich langsam. Schließlich sitzen Kassandra und der alte Herr alleine da. Der Koch und seine Kollegen nehmen am anderen Ende der Trattoria ein spätes Abendessen ein. Der alte Herr fasst sich – das ist ihm anzusehen – ein Herz. „Wie ist denn jetzt dein Status mit deinem Mann?“ Jetzt fühlt sich Kassandra wie im falschen Film. „Äh, gut. Er ist gerade mit unserem Sohn in Indien und sie kommen morgen Früh zurück. Ich freue mich schon sehr auf die beiden. Es ist ihre erste gemeinsame Reise dieser Art.“ Der alte Herr fasst Kassandra kurz an die Schulter. Sie  zuckt zusammen. „Das freut mich für dich“, sagt er und wirkt, als vertrage er eigentlich nur wenig Alkohohl. „Lass uns gehen“, sagt sie, „wir sind die letzten und der Ober sieht müde aus. Für die Trattoria-Leute war es ein langer Tag.“ Der alte Herr nickt. Beide ziehen ihre Jacken an. Der alte Herr greift zu seinem Stock und Kassandra öffnet ihm die Tür.

Er bringt sie zu ihrem Fahrrad, drüben auf der anderen Straßenseite. „Danke für die Einladung und den netten Abend“, sagt sie höflich und reicht ihm die Hand. „Gern geschehen“, antwortet der alte Herr, schwer auf seinen Stock gestützt, „und wie wir weiter verfahren, sehen wir dann.“ Kassandra lächelt. „Ja, das sehen wir dann.“ Sie steigt auf ihr Fahrrad und fährt kopfschüttelnd nach Hause.

Busfahrt

90 Festgäste 75 Kilometer vom Camp entfernt zum Abendessen und zum Feiern einladen: Kein Problem, wenn zwei Reisebusse angemietet werden können. Um 18 Uhr soll es losgehen. Fahrtzeit: Etwa anderthalb Stunden. Um 18.45 Uhr sind auch die letzten Reichen und Schönen am vereinbarten Abfahrtsort vor der Rezeption eingetroffen. Alle verteilen sich auf die beiden Busse, drängen sich in den, in den das Brautpaar einsteigt. Erstaunlich kommod sitzt es sich, während der Fahrer bei lauter afrikanischer Musik über die Schotterpisten zirkelt. Kurz hinter dem Polizeiposten, der offenbar nur Schwarze in kleinen Autos anhält und befragt, kommen die Busse zu einem überraschenden Halt. Nachdem es minutenlang nicht weitergeht, öffnet der Busfahrer die Türen. Festgäste – manche in Lederhosen und Trachtenjanker – steigen zum Pissen am Straßenrand aus. Witzig, wie sie gleich darauf nebeneinander stehen. Vier, fünf, sechs Männer in bayerischer Tracht mit dem Rücken zur B 6  nach Windhoek in typischer Pinkelhaltung. Nacheinander trudeln sie wieder vor dem Bus ein. Stehen in Grüppchen herum, unterhalten sich. Zeigen ihre bisherigen Afrika-Erlebnisse vor – gebannt in ihr Smartphone oder in einer Wolke irgendwo. „Hey, was ist los?“ ruft einer von denen, die den Bus noch nicht verlassen haben. „Keine Ahnung“, ruft ein zweiter ins Dunkel der Rücksitze, „Angeblich dauert es zwei Stunden.“ Einer der Ausgestiegenen steigt wieder ein. „Da vorne hat es einen Unfall gegeben“, sagt er und „Da liegen zwei Tote auf der Straße. Das kann hier noch dauern. Zwei Autos sind frontal zusammengestoßen. Eines liegt total zusammengequetscht im Flussbett. Das kann noch dauern.“ Einen kleinen Moment macht sich Betroffenheit breit. Dann schwillt das Lachen wieder an. Sixpacks und Weinflaschen werden nach hinten getragen.

Kassandra schließt die Augen. Nach einer Weile kommt eines der Girls nach vorne: „Oh Mann“, sagt sie, „wenn wir nicht zum Essen kommen können, dann könnte doch wenigstens das Essen zu uns kommen.“

Kassandra wird schlecht.

City Boys

Der Geburtstag war schrecklich. Drei Tage lang. Schon morgens nach dem Aufstehen stolzierten die City Boys and Girls mit gut gefüllten Biergläsern hinunter zum türkisblauen Pool. Die erbarmungslose südafrikanische Sonne war Garantin für Bräune, die im frühlingsfrischen London nicht zu bekommen war. Makellose Körper. Kein Gramm Fett. Silikonbrüste. Darüber der neueste Chic. Kassandra beobachtete die Jungs und Mädchen mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Drei Tage lang. „Wenn Sie nicht machen, was ich sage, sorge ich dafür, dass Sie rausgeschmissen werden“, krakelte eine, während die Freundin mit 12-cm-Highheels auf dem Kiesweg zu den Wohnhütten balancierte. Fleischbeschau. Drei Tage lang. Feste und Afterparties im Haus der brasilianischen Models. Drei Tage lang. Einer der Gäste versorgte die anderen mit Drogen. Drei Tage lang. Vor seiner großen, wenn auch vollkommen unverständlichen Festrede zog sich eines der Girls noch zwei Linien Koks in die Nase.

In Kassandras Welt gab es sowas nicht. Menschen waren mehr wert als hier. Wurden nicht in Hippigkeitskategorien gesteckt oder monetär taxiert. Reich und schön, reich oder schön: Das schien alles zu sein, was zählt.

Zurück unter dem bleichen Himmel Mitteleuropas betrachtete sie ihre Umgebung mit den Augen der City Boys and Girls. Wie schäbig musste ihnen das Leben außerhalb ihrer eigenen Koks-, MDMA- und Alkohol-Blase vorkommen. Wie armselig die normalen Menschen mit normaler, normal bezahlter Arbeit in ihren normalen Leben: Hühner, Bienen, Chorgesang. Gartenarbeit, Theater, Museum, Ehrenamt. Familie, Kinder, Autowäsche.

Kassandra erschauderte. Wie viele dieser Parallelwelten mochte es noch geben?

Radkauf

Kassandras erstes Rennrad: 1984. Colnago. Rot. Gute Ausstattung, aber viel zu großer Rahmen. Sie hat sich regelmäßig wund gefahren. Wurscht. Radfahren war da schon ihre Leidenschaft.

Trotzdem muss sie sich heute von den jungen Kerlen in den Radgeschäften Sätze anhören wie: „Das ist das Steuerrohr. Das ist für die Berechnung der Geometrie auch wichtig, nicht nur die Oberrohrlänge.“  Wenn sie sich erkundigt, was an der SRAM-Schaltung gut sei, dann antwortet der faltenlose junge Mann: „Die Kette kann nicht runterfallen. Schalten ist einfacher, aber man braucht auch mehr Kraft.“ Sie denkt an ihre Hüfte und sagt: „Dann sind mir zwei Kettenblätter lieber. Und das sind ja Mordsritzel bei der SRAM-Schaltung.“ Der junge Mann daraufhin: „Die großen Ritzel sind ja für die kleinen Gänge.“ Resignation macht sich in ihr breit. Wenn Kassandra im Gespräch sagt: „Man fährt ja heute nur noch Mountainbikes mit großen Rädern“, sagt der junge Kerl sofort: „29 Zoll und 27,5 Zoll. Die anderen nicht mehr.“

An etwas hat sich seit 1984 nichts geändert: Diskriminierung und Borniertheit gibt es immer noch. Damals, weil Frauen nicht Rennrad fuhren. Heute, weil Kassandra eine alte Frau ist, die keine Ahnung hat. Zumindest in den Augen des Faltenlosen.

Maximum warp

 

Donald Trump fasziniert mich. Er spricht mit einem so restringierten Code, verwendet viele emotionsbesetzte Adjektive, konstruiert nur sehr einfache Sätze, benutzt Dopplungen wie „sehr, sehr“. Nichts gegen das Bemühen, komplizierte Sachverhalte so einfach zu erklären, dass es jeder versteht, aber ich habe bei Trump den Eindruck, er kann nicht anders. Er verfügt nur über diesen America-First-Wahlkampfsprech. In den vergangenen vier Wochen hat er nichts unternommen, um sich als Präsident der Vereinigten Staaten smart, intelligent, vermittelnd, staatsmännisch oder gar intellektuell zu präsentieren.

Nun mag das aber für Menschen wie mich von Bedeutung sein, aber für seine Wähler nicht. Wenn es stimmt, dass er vor allem in den Gegenden Amerikas gewählt worden ist, in denen die Menschen von der Regierung Barack Obamas enttäuscht sind, spricht er möglicherweise genau deren Sprache. Wird als „einer von uns“ empfunden. Und nicht zuletzt: Auch die Nationalisten in Europa bedienen sich einfacher Sprache und einfacher Aussagen, in der Hoffnung Wähler so besser erreichen zu können.

Sind wir heutzutage auf der Suche nach einfachen Wahrheiten? Sind wir mit der Komplexität der Welt in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Terror überfordert? Sind wir nicht alle auf der Suche nach Lalaland?

Trump ist einer, der wirkt – und auch hier operiere ich mit Vermutungen – als würde es ihm an Faktenwissen fehlen und dieses Defizit mit Blabla ausgleichen, mit großer Geste und nicht zuletzt mit der tiefen Überzeugung, das Richtige zu tun.

Da ist ein Mann, dem niemand zugetraut hat, dass er dieses Amt jemals erreichen würde. Wir haben ihn alle belächelt, uns lustig gemacht und verachtet. Wir tun das noch immer. Aber er hat es geschafft. Allen Widerständen und allen Prognosen zum Trotz. Wie wirkt sich das auf die Selbstwahrnehmung eines Menschen aus? Wie ist der noch zu stoppen – oder besser: in demokratische, ja, auch ritualisierte Abläufe einer Regierung einzubinden? Muss er nicht das Gefühl entwickeln, unstoppable und untouchable zu sein?

Ich frage mich, woher er seine Informationen bezieht. Als Präsident der Vereinigten Staaten steht ihm ja ein großer Apparat zur Verfügung, der ihn zu jedem beliebigen Thema briefen kann. Nutzt er den? Oder sieht er fern? Und falls ja, was? Lebt er in einer Fox News-Filterblase?